Warum sich Nonprofit-Organisationen nicht an Qualität und Leistung orientieren müssen – es aber trotzdem tun sollten

Nonprofit-Organisationen sind in der Regel dazu da, einen sozialen Nutzen zu stiften – man könnte auch sagen, sozialen Nutzen zu „produzieren“. Dazu haben sie oft die besten Voraussetzungen, denn sie sind weniger bürokratisch als der Staat, nah an den Menschen dran und meistens von sehr engagierten Mitarbeitenden getragen. Diese sind oft nicht nur Idealisten, sondern auf ihrem Gebiet – z.B. Entwicklungszusammenarbeit, Pädagogik, soziale Arbeit – Expertinnen und Experten. Nonprofit-Organisationen arbeiten nicht für monetären Gewinn, sondern für sozialen Profit, und dafür bekommen sie Geld. Vom Staat, von privaten SpenderInnen, von Mitgliedern, von Stiftungen, von Unternehmen.

Sowohl gewinnorientierte Unternehmen als auch Nonprofits generieren Einnahmen, die langfristig die Kosten überwiegen müssen. Doch es gibt einen ganz wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Organisationsformen. Wirtschaftsunternehmen müssen – vereinfacht gesagt – etwas produzieren, das sich auf dem Markt durchsetzt und aufgrund von Qualität, Preis oder Spezialisierung Käufer findet. Andernfalls können sie langfristig nicht bestehen – der Wettbewerb auf dem „freien Markt“ zwingt die Anbieter dazu, sich auszuzeichnen.

Genau das gilt für viele Nonprofit-Organisationen aber nicht oder nur sehr begrenzt. Die Qualität ihrer „Produkte“ lässt sich oft nur schwer beurteilen oder gar messen, und einen Sanktionierungsmechanismus für schlechte Qualität oder schwache Leistung gibt es meist nicht. Ob eine Organisation in finanzieller Hinsicht erfolgreich ist, hängt oft von ganz anderen Faktoren ab: Von guten Beziehungen zu Zuwendungsgebern, günstiger politischer Konjunktur, professioneller Außendarstellung, schneller und flexibler Reaktion auf Fördermöglichkeiten usw.

Ist das verkehrt? Nicht grundsätzlich, Nonprofit-Organisationen können und sollen nicht nach Marktkriterien gemessen werden. Ihre „Produkte“ werden nicht gekauft wie Fernseher, Autos oder Pommes Frites. Sie erhalten Geld, weil staatliche oder private Akteure ihre Leistung als förderungswürdig anerkennen. Aber das „Leben im Subventionsschatten“ kann durchaus negative Folgen haben. Wenn Sie eine Nonprofit-Organisation von innen kennen oder sogar eine leiten, lade ich Sie ein, sich einmal folgende Fragen zu stellen:

  • Richten sich unsere Maßnahmen zur Fördermittelakquise nach einer klaren Strategie – oder ist es eher umgekehrt so, dass wir allzu oft unsere Anträge und Aktivitäten an die Verfügbarkeit von Mitteln anpassen?

  • Können und wollen wir Probleme in unserer Projektarbeit mit einiger Offenheit thematisieren – oder stellen wir grundsätzlich alles möglichst positiv dar, um uns nicht angreifbar zu machen, auch wenn wir dadurch wichtige Verbesserungschancen vertun?

  • Haben wir klare Ziele und Qualitätskriterien, die wir transparent darstellen – oder fragen wir lieber nicht konsequent nach diesen Dingen, weil ja dann auch unser Erfolg daran gemessen werden müsste?

Natürlich sind wirtschaftliche und andere Eigeninteressen legitim. Organisationen müssen sich selbst erhalten, und in der Regel ist auch ein Wachstum wünschenswert, um die Organisationsziele umfassender verfolgen zu können. Meine Forderung nach strategischem Denken und Handeln soll auch nicht bedeuten, dass günstige Gelegenheiten zur Fördermittelakquise nur wahrgenommen werden dürfen, wenn sie genau in die Strategie passen. Ebenso nachvollziehbar ist der Wunsch, sich selbst in einem positiven Licht darzustellen.

Mir geht es darum, dass Strategie, Transparenz und Qualitätsorientierung vor etwas schützen, das ich etwas drastisch „mentale Korruption“ nennen möchte: Die vorherrschende und regelmäßige Orientierung an Mittelverfügbarkeit statt an den eigentlichen und ursprünglichen Zielen der Organisation und die prinzipielle Beschönigung der eigenen Erfolge, auch wenn es noch so viel zu lernen und zu verbessern gäbe. Wenn sich ein solcher Zustand verfestigt und Reflektion und Selbtkritik kaum noch Platz haben, bedeutet das für eine Nonprofit-Organisation eine ernste Krise. Denn ihre Existenz beruht im Kern auf Werten – und diese müssen gelebt und erhalten werden. Und ebendies findet nicht nur in Hochglanzbroschüren oder bei der jährlichen Mitgliederversammlung statt, sondern in der alltäglichen Arbeit.

Übrigens ist die Gefahr der „mentalen Korruption“ nicht nur Sache der Empfänger von Fördermitteln, sondern auch der Geber. Dazu demächst mehr an dieser Stelle.

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Über den Autor

Martin Peth
Gründer und Gesellschafter bei SYSTOPIA

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